Kracherl - Eier

Eine Ostergeschichte aus dem Nachkriegsdeutschland

 
Es war eine jener schrecklichen Schlaglochpisten, die ich mit meinem alten Fahrrad Marke `Eigenbau` auf meinem Rückweg in die Stadt halbwegs heil zu überstehen hoffte. Kurz zuvor hatte es geregnet und die Löcher in der Straßendecke hatten sich mit Wasser gefüllt. Jedesmal, wenn mein Vorderrad in solch' einen kleinen See mit dem x-mal geflickten Vorderreifen eintauchte, spritzte ein Schwall der bräunlichen Brühe in hohem Bogen auf den parallel verlaufenden Fußweg und das Gezeter der unfreiwilligen `Getauften` hallte mir nach.
 
"..." Der Rucksack war von meiner Schulter geglitten, den Abhang hinuntergerollt und lag nun in Reichweite neben den verstreuten Kartoffeln und Äpfeln am Dammfuß im Grase. Wo aber waren die so sorgsam im Leinensäckchen eingepackten Eier? 
Endlich entdeckte ich den so wertvollen Beutel neben einem großen Feldstein: "Ach, du lieber Himmel!" Aus dem groben Gewebe sickerte deutlich eine gelbliche Flüssigkeit und beim Anfassen krachte es ganz verdächtig! Mit Schrecken stellte ich fest, daß nicht ein Ei der sechs bis dahin so sorgsam gehüteten `Kleinode` den Sturz heil überstanden hatte. - Und wie hatte ich mich auf den Augenblick der Übergabe gefreut, meinen Eltern endlich wieder einmal echte Eier mitbringen zu können! Meist gab es nur dieses hellgelbe, modrig-schmeckende Eipulver auf Lebensmittelmarken im Konsumladen um die Ecke! 
In 14 Tagen sollte Ostern sein - und nun diese `Bescherung`!
 
"..." Als ich wieder einigermaßen gesäubert die Küche betrat, saßen Vater und Mutter am Tisch und beugten ihre Köpfe über eine irdene Schüssel, in der sie offenkundig nach etwas sehr Interessantem zu suchen schienen. Unser `Chef` nestelte soeben eine Pinzette aus dem Verbandsbeutel, während Mutter mit einem Teelöffel in ihrer Hand in die Schüssel hinabtauchte und ganz sorgsam so merkwürdige, weiße Stückchen herausholte ...! "Ja, was schaust du denn so? - Hast du noch keine zerbrochenen Eierschalen gesehen?" lachte meine Mutter. Mir fiel ein Stein vom Herzen, daß meine beiden Eltern das mir widerfahrene Mißgeschick augenscheinlich nicht tragisch nahmen.
 
"..." Feierlich erhielt jeder von uns eine Scheibe des Osterlaibes abgeschnitten und fast andächtig tat jeder seinen ersten Biß... 
Doch was war das? Zwar schmeckte das Osterbrot ganz vorzüglich, aber bei jedem neuen Biß krachte es so merkwürdig zwischen den Zähnen! 
Wir sahen uns an ... und hörten unwillkürlich auf zu kauen ... 
Nach einer Weile löste sich die Spannung und Vater sagte in die erstaunte Stille in der ihm eigenen Art seines Humors: "Ich glaube, diesmal hat der Osterhase mit besonderen Eiern gebacken - das müssen bestimmt Kracherl-Eier gewesen sein!"